Liegt die Wiege der Karpfenangelei wirklich in England?

Ein Blick in die deutsche Angelliteratur des frühen 20. Jahrhunderts zeigt, dass unsere Ur-Großväter schon überraschend modern auf den Bartelträger fischten.

Selbst weite Reisen und groß angelegte Futterkampagnen waren nichts besonderes...


Die Geschichte des Karpfenangelns wird ja seit jeher eng mit England in Verbindung gebracht. In der Tat haben Pioniere wie Richard Walker oder Rod Hutchinson dafür gesorgt, dass dieses interessante Hobby zu einem Massenphänomen wurde.

Doch wie sah es in Deutschland aus, noch weit vor den Jahren der britischen Pioniere, sagen wir vor 100 Jahren?

Hat man tatsächlich nicht Karpfen geangelt?

Und wenn ja, dann nur mit der Haselnussgerte am Bauerntümpel?

Bei meiner Recherche bin ich auf überraschende Antworten gestoßen...

Da ich schon seit einigen Jahren historische Angelliteratur sammele, brauchte ich mich für die Suche nach Informationen nur bis zu meinem Bücherregal zu bewegen.

Dort griff ich mir drei Standardwerke deutscher Angelliteratur: „Am Fischwasser“ (1913) von K. Rühmer und Dr. A. Buschkiel, „Grundangelei als feiner Sport“ (1921) von Dr. Winter und den Klassiker „Angelsport im Süsswasser“ (1903, vierte Auflage 1928) von Dr. Karl Heintz.

Ich erwartete nicht viel zu finden.

„Was sollen die schon groß gewusst haben zur Zeit von Kaiser Wilhelm II.?“  stammelte ich vor mich hin.

Also schlug ich die Kapitel über den Karpfen auf und schmökerte durch altbackene Formulierungen und schlecht leserliche Schrift.

Was sich mir jedoch da offenbarte, war alles andere als altmodisch!

Zwischen vielen äußerst lustigen Ansichten über unseren Cyprinus, versteckten sich zahlreiche Tipps, die auch heutzutage noch ihre Gültigkeit besitzen.  

 


Köder, Futterstrategien und der „Knochensack“
Klar, Boilies gab es zu dieser Zeit noch nicht.

Man fischte halt noch mit den Klassikern wie Kartoffeln, Würmern, Maden, Käse oder Teig. Doch auch damals wusste man schon, wie man den Köder mit Zusätzen und Dips verfeinern kann. Dr. Heintz empfiehlt „gut mit Honig durchknetete Paste“, die „vor dem Auswurf noch in Honig getaucht“ werden sollte.

Ein klasse Dip-Tipp, der sicher auch heute noch funktioniert! „Sehr empfohlen werden auch eiergroße Kugeln aus Hafermehl und Kleie mit etwas Lehm vermischt. Vorzüglich wirksam ist das von der Küste bezogene Garnelenmehl“.

Wenn er diese Kugeln damals noch gekocht hätte, dann hätte er brauchbare Monster-Shrimp-Boilies gehabt.


Wer glaubt, dass er heute moderne Futterstrategien anwendet, den muss ich auch enttäuschen. Unsere Urgroßväter wussten schon genau wie die Karpfen zu überlisten sind. Dr. Heintz:

„Man fängt ihn in seltenen Fällen auf das Geratewohl an der Grundangel, während man anderen Fischen nachstellt.

Beabsichtigt man aber, speziell auf Karpfen mit Erfolg zu angeln, so ist ein vorhergehendes Anfüttern mit Grundködern sehr vorteilhaft“

„Man kann durch richtige Anwendung des Grundköders den Karpfen derart an einen Platz fesseln, daß wenige Meter darunter oder darüber kein Anbiß zu erhalten ist.“ weiß Dr. Winter zu berichten. Rühmer und Dr. Buschkiel gehen da 1913 schon deutlich mehr ins Detail:

„Hat man [...] Karpfen aufgespürt, so ist es gut, 6 bis 8 Tage lang mit Kartoffeln und gequelltem Mais anzufüttern, hierauf 1 bis 2 Tage auszusetzen und dann erst den hergewöhnten Fischen den Köder anzubieten.“

Also wer glaubt, dass er mit zwei Tagen Vorfüttern modernes Karpfenangeln betreibt, hätte mal besser Ur-Opa gefragt wie man eine Futterkampagne richtig durchzieht!
Die interessanteste Methode um Fische an den Platz zu locken, hat jedoch Dr. Karl Heintz mit dem Knochensack auf Lager.

Damit ist nicht Viktoria Beckham gemeint, sondern eine in meinen Augen äußerst witzige Art und Weise die Dicken auf den Platz zu locken und vor allem auch zu halten.

Und zwar füllt man einen feinmaschigen Sack mit alten Knochen und anderen Küchenabfällen, beschwert diesen mit einem Stein, knüpft eine Leine mit Boje an und versenkt das Ganze über Nacht an einem Hot-Spot.  

„Waren große Karpfen in der Nähe, dann sind sie am frühen Morgen damit beschäftigt, mühsam und stückchenweise sich das Futter aus dem Sack zu zerren.

Man nahe sich bei Tagesanbruch vorsichtig vom Ufer aus oder noch besser mit dem Boote [...] und versenke die Angel mit weitem Wurf aus sicherer Ferne in der unmittelbaren Nähe des Netzsackes.“

Dazu kann man eigentlich nicht viel sagen.

Es klingt zwar sehr altertümlich, aber die Theorie ist schon interessant. Knochen und Küchenabfälle sind sehr geruchsintensiv und somit genau das, was Karpfen mögen.

Jeder, der Karpfen schon einmal in einem Weiher mit Brot gefüttert hat, weiß, wie gierig diese sein können.

Ich kann mir gut vorstellen, dass sich um einen solchen Sack einige Fische über Stunden herumtreiben können.

Da sie das Futter nur „stückchenweise“ aus dem Sack rupfen, werden sie auch nicht satt, sondern nur zunehmend gieriger. So zumindest die Theorie...

Karpfenangeln in der Praxis

Hatte man sich die Karpfen durch gezieltes Anfüttern auf den Platz gelockt, musste man sie nur noch an den Haken bekommen.

Vor allem ist Vorsicht geboten, wenn man das Ufer betritt!

Um die Fische  nicht zu verscheuchen, muss man „sich anpirschen wie an einen alten Bock“.

Die geeignete Ausrüstung sah einst natürlich anders aus als heutzutage.

Glas- oder Kohlefaser waren noch lange nicht erfunden und die Stationärrolle begann ihren Siegeszug in Deutschland erst Ende der 30er Jahre.

Als Ruten nutzten sowohl Dr. Winter als auch Dr. Heintz damals nur das Teuerste. Beide fischten mit einer „Stewardfluggerte von Wieland“, einem noblen Hersteller aus München.

Es war nicht ungewöhnlich eine Fliegenrute auch zum Grundangeln zu verwenden.

Als Rollen dienten einfache Grund- oder Fliegenrollen ohne Übersetzung.

Dr. Winter empfiehlt eine „Nottingham-Rolle, 8 cm, mit starker Sperrfeder“, die er mit 10 Pfund starker, geflochtener Seidenschnur bespulte.

Dr. Heintz bevorzugte die damals beliebte  „Marston-Croßlé“ Nottingham-Rolle, ein besonders leichtes und hochwertiges Modell.

Sein Rig war relativ einfach: „feiner Poilzug (das ist ein Vorfachmaterial aus Seidenraupendarm) von 1 m Länge, Perfekthaken Nr.6 und eine Bleikugel von 6 mm Durchmesser mit weiter Bohrung“.

Für weite Würfe wird das von „Hr. Wild erfundene Wurfblei“ angepriesen.

„Wer vom Ufer oder vom Floßholz aus angelt, kann seine Chancen erhöhen durch gleichzeitiges Auslegen mehrerer Gerten nebeneinander.“ 

Waren die Ruten ausgeworfen, passierte eigentlich genau das selbe wie heute.  

„Man legt sich dann ruhig in das Gras und wartet längere Zeit, selbst stundenlang, wobei man sich zweckmäßigerer Weise mit Lesestoff versehen haben sollte.“ wird da Otto Overbeck von Heintz zitiert.

Begann dann die Rutenspitze zu zucken oder das Floß abzutauchen, wurde ein kräftiger Anhieb gesetzt.

Der heiße Ritt begann!

 


Drill und Landung: Eine schwierige Sache...
Was früher scheinbar noch ein größeres Problem war als den Fisch zu haken, war ihn zu landen. Rollen mit feiner Bremse waren Fehlanzeige, und die Vorfächer aus Seidenraupendarm waren oft nicht sehr stark oder hatten fehlerhafte Stellen. Dr. Heintz riet deshalb zu „blitzschnellem Gaffen“ sobald der Fisch in Reichweite kam. Doch so schnell kommt man ja an den Fisch nicht heran und schon damals bewegten sich die Großen gerne in Richtung Seerosen. „Es gibt da nur ein Rettungsmittel, das man versuchen kann, die Schnur zwischen Gertenspitze und Fisch so gestreckt nach oben zu halten, daß sie womöglich die Pflanzen durchschneidet.“ Hatte man diese Hürde  genommen und einen Seerosenteppich gemäht, war der Drill aber noch nicht vorbei. Rühmer und Buschkiel warnten: „Oft stellt er sich, wie der Huchen, auf den Kopf und probiert durch Schwanzschläge die Schnur zu sprengen“. Doch sie geben auch das Gegenmittel: „Nachlassen und wieder stramme Fühlung nehmen“.  War der Karpfen müde, wurde er meist auf die von Dr. Winter beschriebene Weise gelandet (ratet mal wo dieses Wort her kommt): „Habe ich ein halbwegs günstiges Ufer, dann überrumple ich auch den schweren Fisch, indem ich >>Griff zeige<< und so weit ins Land zurückgehe, daß ich den Fisch stranden kann – wonach das Bergen mit Landungsnetz oder Gaff keine Schwierigkeit bereitet.“

Die Karpfenszene und die „Wanzen“

Besonders verwundert hat mich, dass es schon damals Angler gab, die gezielt nur auf Karpfen angelten. „Karpfenspezialisten“ nannte sie Dr. Winter.

Das ist wohl dann auch nichts Neues.
Auch nicht neu ist es, zum Karpfenfischen zu verreisen.

Winter berichtet von einer Reise nach Galizien an den Fluss Wierzyca (heute der Süden Polens), wo er sich mit den einheimischen Anglern rumärgern musste.

Daran hat sich bis heute ja auch nichts geändert!

„Die dortigen Bauernfischer gebrauchen das primitivste Zeug, das man sich denken kann“ schrieb er und wunderte sich, dass sie trotzdem große Karpfen fingen.

Er selber fischte mit modernem und leichtem Gerät und hatte großen Erfolg.

„Das beweist, daß man mit feinem Zeug immer reüssiert.“ gibt er sich selbstsicher.
In Prag begegnete ihm ein Phänomen, das wir alle kennen.

Und zwar Fischneid. Nach einer  Futterkampagne, die sein Guide („der Mann, welcher mein Boot zu betreuen hatte“) in einem Hafen der Moldau durchgeführt hatte, waren sie dort sehr erfolgreich.

„Leider ist man in der Nähe der Großstadt nie unbeobachtet, und richtig saßen am übernächsten Tage schon einige >>Wanzen<< da und fingen unsere Karpfen“ beklagt sich Winter.

Der Gegenangriff liest sich wie ein aktueller Bericht eines Specimen Hunters:

„Wir beschlossen also das Bootsfischen aufzugeben – mein Bootsführer fütterte in der Nacht die Karpfen ca. 20 m vom Ufer weg durch einige Tage auf neue Plätze an, und als wir dann vom Boote aus diese Stellen befischten, fingen wir einen Karpfen um den andern, während die >>Wanzen<

Ein anderer Blick auf die anglerische Vergangenheit

Mir hat die Recherche gezeigt, dass vieles von dem was heute als Modernes Karpfenangeln gilt, schon unsere Ur-Großväter kannten.

Das Richard Walker in den 50er Jahren gezielt auf Karpfen fischte ist jedem klar.

Ich möchte ihm auch nicht die Rolle als Pionier streitig machen, da er mit dem Fang von „Clarissa“ (1952) viele, später große Angler auf unseren Lieblingsfisch aufmerksam machte.

Die Recherche hat aber gezeigt, dass Dr. Winter schon vor dem ersten Weltkrieg vom Boot aus auf der Moldau gezielt auf Karpfen fischte, nachdem sein Guide (!) die Stelle vorgefüttert hatte. Also was ist daran noch zu toppen?

Vielleicht blicken wir jetzt nicht mehr nur nach England, wenn wir an den Ursprung der Karpfenangelei denken.

Good old Germany hat in seiner Angelgeschichte noch einige Überraschungen parat, die nur darauf warten entdeckt zu werden!
Infoseite

 „Wer Karpfen angeln will muß Geduld haben und viel Ausdauer,
denn, wie gesagt, er ist sehr launisch.“

Dr. Winter, 1921

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