Man mag es nicht glauben, aber die so modern anmutenden elektronischen Wunderkisten haben bereits eine mehr als 60 Jahre alte Angelgeschichte, die ihren Ursprung in den Anfängen der britischen Karpfenangelei hat.
Sogar Richard Walker war maßgeblich am Erfolg der elektronischen Bissanzeiger beteiligt.
Dieser Beitrag nimmt Euch mit auf eine Reise durch ein bedeutendes Stück Angelhistorie!


Es ist 3 Uhr nachts. Die bleischweren Regentropfen trommeln seit Stunden auf mein Zelt – der Lärm ist ohrenbetäubend.
Draußen könnte ein Flugzeug abstürzen und ich würde es vermutlich nicht hören.
Trotzdem packt mich der Schlaf. Prompt beginnt einer dieser wunderschönen Anglerträume von dicken, prallen...
„BEEEEEEEEP“ schreit da plötzlich meine Funkbox!
Ein Run!
Raus aus dem Zelt, Taschenlampe vergessen.
Zum Glück zeigt mir der elektronische Bissanzeiger auf welcher Rute der Fisch abläuft.
Fish on!


Was würde man beim Nachtangeln nur ohne diese Elektronikwunder machen?
Wachbleiben und neben den Ruten sitzen?
Vermutlich.
Das wäre zwar sportlich, aber auch äußerst anstrengend.
Gott sei Dank gibt es sie aber!
Doch wir sollten eigentlich nicht Gott danken, sondern vielmehr den Briten!


Wie alles anfing
Wie so viele bahnbrechende Erfindungen in der Angelei, so kommt vermutlich auch der elektronische Bissanzeiger aus Großbritannien, aus der Pionierzeit des Karpfenangelns.
Einer der ersten Tüftel-Pioniere war dort Maurice Ingham, der sich 1949 eine Taschenlampe auf seine Rute montierte und diese mit der Centrepin verkabelte.
Zog ein Fisch Schnur ab, so wurde bei jeder Spulenumdrehung ein elektrischer Kontakt hergestellt.
Wenn die Taschenlampe zu blinken begann, wusste Ingham: Biss!
Etwa zur gleichen Zeit grübelte auch Richard Walker über die elektronische Bissanzeige.
Er experimentierte hingegen mit einer Fahrradlampe, die auf dem Boden stand. Dort klemmte er die Angelschnur zwischen zwei Kontakte, sodass diese sich nicht berühren konnten.
Zog ein Fisch die eingeklemmte Schnur aus dem Clip, ging die Lampe an.
Walker war aber nicht zufrieden.
Er tüftelte weiter, bis ihm 1952 eine geniale Idee kam, die das Karpfenangeln revolutionieren sollte.
In den Stromkreislauf des Bissanzeigers integrierte er einfach einen elektrischen Summer, der beim Biss einen lauten Ton von sich gab.

Der erste „Buzzer“ (dt.: Summer) war geboren!

Der „Antennen Typ“
Walkers Bissanzeiger war aber auch in weiteren Aspekten genial.
Die Bisserkennung erfolgte praktischerweise in der vorderen Rutenauflage.
Die lockere Schnur wurde dort zwischen die Schnurführung und einen Hebel aus starkem Draht (engl.: Antenna) gelegt.
Die Auflage war per Kabel mit dem eigentlichen Bissanzeiger verbunden, den man üblicherweise neben die Rute legte.
Zog ein Fisch an der Schnur, straffte sich diese und drückte den Hebel leicht nach außen.
Auf diese Weise wurde im inneren der Rutenauflage ein Kontakt hergestellt, der Strom konnte fließen:
„BZZZZZZZZ!“ Stoppte der Fisch, so stoppte auch der Ton.
Genial!
Den Prototyp seiner Erfindung nannte er Bedlam Mk. IX.
Er verfolgte mit seiner Idee keine kommerziellen Ziele und veröffentlichte sogar eine Bastelanleitung in der Angelpresse.
Schnell erkannten findige Geschäftsleute das Potential seiner brillanten Erfindung.
Der erste kommerziell hergestellte Antennen-Buzzer nach Walkers Vorbild war der Buzz-Light Bite Detector, der ab 1954 von der Londoner Firma G. S. Heyman & Co vertrieben wurde.
Doch der Erfolg der Weltneuheit blieb aus.
Ein Karpfenangler namens Jack Opie aus Kent wollte es da besser machen.
Der Freund Walkers konnte jedoch nicht ahnen, dass er dabei war, den berühmtesten Bissanzeiger aller Zeiten zu herzustellen – den Heron, benannt nach dem krächzenden Graureiher.
1957 trat dieser Buzzer seinen Siegeszug durch die damalige Angelwelt an.
Hergestellt wurde er in Opie’s Firma Metal Pressings Ltd.; später von Auger Tackle.
Grund für den Erfolg war sicherlich, dass der berühmte Walker kräftig die Werbetrommel für seinen Freund rührte.
Angeblich völlig ohne finanzielle Interessen.
Der Siegeszug des Heron sollte noch bis in die 80er Jahre andauern.
Auch wenn er damals „state of the art” war, so hatte dieser Buzzer einige Schwächen.
Bspw. sorgte seine Regenempfindlichkeit oft für Totalausfälle.
Solche Mängel waren für die in den 60er Jahren immer zahlreicher werdenden Karpfenangler nicht hinnehmbar; sie mussten eine Lösung finden.
Das große Basteln begann!
Die Herons wurden zersägt, aufgebohrt, umgelötet, abgedichtet und wieder zusammengebaut.
Eine Vielzahl ideenreicher und abenteuerlicher „Conversions“ (dt.: Umbauten) sind so entstanden.
Die Schwächen der Herons waren aber nicht nur Auslöser einer Bastelwelle, sondern auch Ursache einer Erfolgsgeschichte: Delkim.
Der Name setzt sich zusammen aus den Vornamen von Del Romang und Kim Donaldson.
Die beiden Karpfenangler gründeten in den späten 70ern die Firma Delkim, um bei Großhändlern an Köderzutaten gelangen zu können, die es in Angelgeschäften nicht gab.
Auch Romang war unzufrieden mit seinen Herons.
Deshalb machte er sie regenfest und baute zusätzlich noch Leuchtdioden und einen echten Lautsprecher ein.
An den lokalen Pools wo Romang fischte, erregten seine handwerklich und technisch perfekten Conversions großes Aufsehen.
So kam es, dass zahlreiche Angler ihre Herons von Romang gleichermaßen umbauen ließen.
Die Qualität der Delkim-Conversions sprach sich schnell herum, sodass Romang sich vor Aufträgen nicht retten konnte.
Die Erfolgsstory von Delkim hat hiermit aber gerade erst begonnen…

Neben dem Heron gab es in den 60er und 70er Jahren auch noch andere elektronische Bissanzeiger, teilweise in bestechender Qualität. Diese wurden aber meist von Privatleuten zusammengelötet und nur unter Freunden verteilt oder begrenzt über lokale Angelshops vertrieben. In Serie ging ein Modell der Firma C.B. Angling Products , vom bekannten Karpfenangler Chris Brown gegründet.
Der von ihm entwickelte Bissanzeigers wurde 1975 erstmals als Prototyp vorgestellt und war von ausgesprochen hoher Qualität, mit dem Zeug zum Kassenschlager.
Doch das Serienmodell enttäuschte alle.
Es war schlecht verarbeitet und konnte selbst dem betagten Heron nicht das Wasser reichen.
Der C.B. Bissanzeiger floppte.


Die Erfindung des Rades
1975 wurde in England ein Patent aktenkundig, das eine bahnbrechende Erfindung beschreibt.
Die beiden Tüftler Frank Sams und John Lynch aus Ramsgate hatten das Prinzip der Bisserkennung völlig neu entwickelt, so genial, dass es die „Antennen-Bissanzeiger“ zum Aussterben verdammen sollte.
Anstelle des Antennen-Hebels beschreiben sie in ihrem Patent ein in die Rutenauflage integriertes, horizontal gelagertes Laufrad, auf dem die Angelschnur aufliegt.
Zieht ein Fisch an der Schnur, beginnt sich das Rad zu drehen.
Um diese Drehbewegung in ein elektronisches Signal umwandeln zu können, ist parallel neben dem Laufrad auf derselben Achse ein Fächer angebracht.
Dieser Fächer unterbricht mehrfach pro Drehbewegung einen Lichtstrahl.
Die Unterbrechungen werden von einem Sensor erfasst und in ein elektrisches Signal umgewandelt, das dann bspw. eine Leuchtdiode oder einen Tonerzeuger ansprechen kann.
Zwei Jahre nach der Anmeldung des Patents war die Idee Marktreif.
Unter dem Firmennamen Dellareed Limited produzierten Sams und Lynch die Bissanzeiger-Legende Optonic, die jedoch zunächst ein legendärer Ladenhüter war.
Sams und Lynch erkannten aber zum Glück schnell, wie die Karpfenangler funktionierten, und so brachten sie 1980 die Mega-Sounder-Box für den Optonic auf den Markt.
Dieses mit zahlreichen Lämpchen und Schaltern ausgestattete Wunderwerk war der Hingucker an jedem Ufer.
Von da an hielt der Optonic auch Einzug in die elitäre Riege der Karpfenangler, bei denen sein Prinzip der Bisserkennung schnell Gefallen fand. Die Geschwindigkeit des Schnurzugs bestimmt nämlich die Wiedergabe der Signaltöne.
Feine Bisse erzeugen einzelne Töne und schnelle Läufe erzeugen einen sonoren Dauerton.
Wir kennen das alle, denn das Prinzip ist bei den meisten Bissanzeigern bis heute gleich geblieben.
Wegen des markanten Dauertons bekam der Optonic auch den Spitznamen „one-noter“ (dt.: Ein-Töner).


Schnell wurden aber auch beim Optonic Schwächen deutlich: Zu leise, nicht regenfest, Stromfressend.
An dieser Stelle kommt wieder Del Romang von Delkim ins Spiel. Zunehmend wurde er angefragt, ob er auch die neuen Optonics verbessern könne.
Natürlich konnte er!
Romang verpasste ihnen neue Lautsprecher, zusätzliche Leuchtdioden mit Nachleuchtfunktion, Lautstärkeregler, die Möglichkeit der Tonhöhenverstellung, Anschlüsse für die Delkim-Sounderbox und eine ausgesprochene Regentauglichkeit.
Durch eine von ihm patentierte Schaltung konnte er zusätzlich noch den Stromverbrauch erheblich senken.
Mit diesen Features wurde die „Delkim-Optonic-Conversion“ zum besten Bissanzeiger, den man in den 80er Jahren besitzen konnte.
Aber nicht nur Delkim baute die Optonics um.
Auch einige große Angelgeschäfte wie Bamford in England, WS in Belgien und Wennekes in den Niederlanden hatten ähnliche Conversions im Angebot.


Die Dellareed Ltd. war aber nicht erfreut darüber, wie man ihren Bissanzeigern zu Leibe rückte und beharrte auf ihr Patentrecht.
Es kam 1986 zu einem Gerichtsstreit mit Delkim, der schließlich zugunsten der Dellareed Ltd. ausging.
Ab diesem Jahr wurden keine Optonic-Conversions mehr hergestellt.
Dellareed Ltd. hatte aber erkannt, dass ihre Bissanzeiger Mängel haben.
Deshalb fertigten sie eine Reihe neuer, verbesserter Optonic Modelle, wie z.B. den Magnetronic, den Special, den Super Compact, den XL und das Flagschiff Super XL.
Letzterer bekam alle Features die auch die Delkim-Conversions hatten.
Die Optonics erlangten endlich die Qualität mit der auch Karpfenangler zufrieden sein konnten. Anfang der 90er Jahre lief jedoch das Dellareed Patent auf das Laufrad aus, was schlagartig neue Bissanzeiger nach demselben Prinzip hervorbrachte.
Besonders erfolgreich wurde damals z.B. der Micron SX von Fox.
Ab dieser Zeit nutzten alle Hersteller schon eine verbesserte Technik, die wesentlich energiesparender war.
Anstelle des stromfressenden Lichtstrahls wurden nun Magnete eingesetzt, die beim Biss einen Magnetsensor ansprachen.



Das „Grammophon-Prinzip“
Und was wurde aus Delkim? Der Heron wurde nicht mehr hergestellt, Optonics durften nicht mehr umgebaut werden.
Für Del Romang kein Grund aufzugeben! Schon seit Jahren geisterte der Gedanke einer neuartigen Bisserkennung durch seinen Kopf.
Wie er selber sagt, kam ihm die Idee im Traum.
Es war frühmorgens im Jahr 1983, als er plötzlich aufwachte und völlig nackt die Treppe hinunter rannte.
Im Wohnzimmer schaltete er den Plattenspieler ein und zog ein Stück Angelschnur an der Nadel des Tonabnehmers vorbei.
Es gab ein unangenehm kratzendes Geräusch; wohl kein guter Signalton für einen Bissanzeiger.
Für Romang war aber klar, dass der Tonabnehmer in der Lage ist, die Vibrationen der Schnurbewegung in ein elektrisches Signal umzuwandeln.
Mit etwas Know-How kann man auf diesem Prinzip einen zuverlässigen Bissanzeiger aufbauen, dachte er sich.
Doch das Geschäft mit den Optonic-Conversions lief Anfang der 80er scheinbar noch so gut, dass er es zunächst bei der Idee beließ.
Es vergingen fast 10 Jahre, bis er 1992 aus dieser Idee einen Marktreifen Bissanzeiger entwickelte – den Delkim.
Zur gleichen Zeit tauchten auch noch andere Bissanzeiger auf, die nach demselben Prinzip funktionierten.
So z.B. der Vibro von Bi-Tech.
Der recht hässliche Vibro konnte sich aber nicht gegen die Microns und Delkims durchsetzen, obwohl er technisch einwandfrei war.
Das Auge fischt halt mit!

Karpfenangeln wurde in ganz Europa zunehmend populärer und der Absatzmarkt für Bissanzeiger stieg rasant an.
Das wurde auch in Deutschland erkannt.
Einige interessante Bissanzeiger aus dieser Zeit sind z.B. der Rotor Power und der erfolgreiche Top Runner, beide von H. K. Bleech hergestellt.
Sehr erfolgreich waren (und sind) auch die Carp Sounder von Flauger aus Braunfels.

Die letzte große Neuerung war die Entwicklung der Funksysteme ab Mitte der 90er Jahre, was uns endlich von den lästigen Sounderbox-Kabeln befreite.
Man darf gar nicht darüber nachdenken, wie viele schmerzhaften Verletzungen schon durch diese schwarzen Stolperfallen hervorgerufen wurden!



Ein Stück Angelgeschichte
Elektronische Bissanzeiger sind aus dem modernen Angeln einfach nicht mehr wegzudenken.
Ohne sie wäre tagelanges Nachtangeln nur noch für die Hartgesottenen unter uns möglich.
Die mittlerweile fast unüberschaubare Vielfalt der kleinen Wunderkisten lässt uns dabei leicht vergessen, welche Kreativität einst zu ihrer Entwicklung führte.
Dabei ist eines klar: Sie sind ein wichtiges Stück Angelgeschichte!
Wenn ihr das nächste Mal in euren Zelten schlummert, versucht doch einmal nicht von dicken, prallen Fischen zu träumen.
Mit Glück könnt ihr dann Maurice Ingham dabei beobachten, wie er eine Taschenlampe auf seine Rute schraubt…

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